Dymaxion: Venture Kriegsherrentum – Eleanor Saitta

3 Sep

Demokratie ist der Maßstab für Regierungsformen in der Moderne.  Allerdings ist moderne Demokratie auch außerordentlich kostspielig.  Schließlich ist dafür “nur” eine Verfassung zu schreiben, Legislative, Judikative und Exekutive in stetiger Konkurrenz zueinander aufzustellen, für genügend Hilfe beim Verständnis der Probleme zu sorgen, mit denen sie sich zu beschäftigen haben, Ämter und einen Verwaltungsapparat aufzubauen, damit Arbeit auch erledigt wird, ihn zu regulieren, damit er nicht zu mächtig wird, eine Marktwirtschaft für all das zu etablieren, wovon die Regierung die Finger lassen sollte, und diese zu regulieren, damit sie nicht zu mächtig wird, eine Medieninfrastruktur aufzubauen, damit die Bürger, an deren Stelle man regiert, verstehen, was man tut, sind Referenten einzustellen, welche mit der Presse sprechen, die Lobby zu regulieren, welche mit der Presse spricht, dann sind noch mehr Referenten einzustellen, welche mit den Lobbyisten sprechen…

Wir können uns zurecht fragen, wie lange wir uns die liebgewonnenen demokratischen Strukturen noch leisten können.  “Leisten können” bezieht sich hier mindestens so sehr auf die sozialen Auswirkungen wie auf das Monetäre alleine.  Die moderne Demokratie geht mit der modernen Konsumgesellschaft einher, und es ist klar, dass wir uns den westlichen Lebensstil auf dem ganzen Planeten kaum leisten können – nicht einmal mehr im Westen.  Das Ausmaß an Medienöffentlichkeit, das theoretisch demokratische Regierungen — vor allem in Ländern wie GB und in den USA — aufbringen müssen, stellt eine weitere Achse der Unerschwinglichkeit dar — das demokratische Projekt hat sich ein etwas verkehrt, das die Form einer egalitären Gesellschaft hat, jedoch nicht deren Effekt, nämlich soziale Gleichheit oder funktionale Unabhängigkeit.

Die Frage nach den Kosten der Demokratie ist die Frage nach den Kosten der Organisation der Ressourcenverteilung und kollektiver Entscheidungsfindung, besonders spürbar in Zeiten von Ressourcenknappheit, Umweltkatastrophen, sozialen Unruhen und umfangreichen ökonomischen Spannungen.  Die nächsten hundert Jahre werden leider nicht schön.

Es gibt mehr oder weniger zufriedenstellende Antworten auf diese Frage.  Da sich der Weltreichtum und die Firmen der Welt auflösen und die Mitglieder dieser Oligarchien versuchen, ihre Macht zu erhalten, investieren sie in langfristige Spekulationen, die ihnen weltweit immer mehr Regierungsgewalt einbringen — beispielsweise kaufte Daewoo im Jahr 2008 die Hälfte aller Anbauflächen Madagaskars (technisch gesehen ein 99 Jahre laufendes Leasing — exakt der gleiche Kniff, auf dem der Kolonialismus jahrhundertelang basierte).  Während traditionelle sozialdemokratische Systeme zusammenbrechen und die demokratische Durchsetzung von Gesetzen unbezahlbar wird, könnten wir leicht den Aufstieg einer Art “unternehmerisch orientierter Kriegsherrenregierung” erleben.

Warlords können sehr effizient sein, wenn es um Herrschaft und die Zuteilung von sozialen Diensten für die Gesamtbevölkerung geht, sofern der Anteil an egoistischer Korruption überschaubar bleibt.  Glücklickerweise können die Werkzeuge moderner Managementwissenschaft zusammen mit den dynamischen Organisationshierarchien der Startup-Kultur und selektiv angewandter Transparenz und Überwachung benutzt werden, um ein neues, effizienteres Terrorregime zu errichten.  Anstatt sich auf unzuverlässige Söldner zu verlassen, kann die moderne Welt unbemannter Dronenwaffensysteme die Drecksarbeit erledigen.  In Verbindung mit vernetzten, kaderartigen Führungsstrukturen, die zusammenwirken, um ihren Ressourcenzugriff zu optimieren, ist abzusehen, dass die Profite in einer undurchsichtigen transnationalen Metaklasse kumulieren und verschwinden.  Für wen Deine Regierung arbeitet mag sich von Tag zu Tag, von Minute zu Minute ändern, je nachdem wie der Markt des Einflusses schwillt und schrumpft.

Kriegsherrschaft oder jede andere korrupte, totalitäre Herrschaftsform funktioniert effizient, da sie Herrschaftsstrukturen unabhängig von öffentlicher Meinung schaffen, und darum Medien weder gebrauchen noch tolerieren müssen, um die Öffentlichkeit zu kontrollieren.  Sie schaffen einen progressiven Steuerapparat für jeden außerhalb der Regierungselite, mit Enteignung von denjenigen, denen es zu gut geht.  Unterstützt wird dies mit sozialen Dienstleistungen, die implizieren, dass ohne die Regierung Chaos herrsche/herrschen würde.  Die im Westen verbreitete Vorstellung von Freiheit wird damit zum Luxusgut.

Wenn wir es hiermit aufnehmen wollen, müssen wir eine Alternative finden welche genau so effizient, genau so skalierbar ist und welche sich erfolgreich gegen oligarchische Übernahme wehren kann.  Die nötigende Effizient der Globalisierung in Kombination mit ökonomischen Rückgang zwingt uns dazu ein effizienteres Freiheitskonstrukt zu finden.

Der Schwachpunkt eines unternehmerisch orientierten Kriegsfürsten oder eines ähnlichen Verwaltungsapparats liegt genau in der Duldung von großflächigen Wohlstandsabschöpfung — das ist die Ineffizienz, die diesem Modell innewohnt.  Unter Berücksichtigung der gezeigten Absicht von Führungsebenen, in sozio-ökonomischen Strukturen, in Vermögensentnahmen s.o.  hineinzugleiten, benötigen wir ein effizientes Organisationssystem, das aktiv anti-hierarchisch ist.  In kleinen Gruppen hat sich gezeigt, dass ein konsensorientiertes Organisieren effektiv genau dieses darstellt.  Das Problem hingegen liegt in der Skalierung.  Die Idee von Delegationen gegenüber eines größeren Kollektivs — von einzelnen sich abgestimmten Gruppen, welche einzelne Mitglieder beauftragt haben, die Gruppenmeinung einer einzelnen Sitzung zu einem einzelnen Thema darzulegen — bietet einen nützlichen Grad an Skalierung, währenddessen es die Entwicklung von Hierarchien verhindert, welche einfach missbraucht werden können.  Während wir diese Effekte in Gruppen mit mehr als etwa 5000 Beteiligten noch nicht beobachtet haben, kann davon ausgegangen werden, dass der anti-hierarchische Mechanismus in weit größeren Gruppen Skalierungseffekten zum Opfer fällt, denn bereits in kleineren Gruppen sind konsensbasierte Entscheidungsstrukturen zeitaufwendig.

Wenn wir doch nur ein Werkzeug hätten, um die Diskussion in dynamisch zusammengesetzten Gruppen in transparenter Weise zu fördern.

Ich hatte das Privileg, in einigen Projekten mitzuarbeiten, bei denen das Internet genau hierfür genutzt wurde.  Insbesondere während der Arbeit des Constitutional Analysis Support Teams bei der Unterstützung der Isländischen Verfassungsversammlung.  Wir spielten hierbei nur einen kleinen und informellen Part des ganzen Prozesses, aber wir konnten dabei zusehen, wie die Versammlung das Internet nutzte, um Feedback zu erhalten und selbst Vorschläge für neue Artikel für die jetzt vorgeschlagene, neue isländische Verfassung.

Eine erweiterte Form dieses Ansatzes könnte das meiste der Regierungsarbeit ersetzen und nicht nur temporär kleine Abschnitte des Prozesses.  Anstelle eines riesigen Verwaltungsapparates könnten wir die gleichen Aufgaben mit niedrigen Kosten im Netzwerk koordinieren.  Nicht Dienstleistungen privatisieren, sondern auf eine vernetzte Bürgerschaft übertragen, inklusive ihrer Verantwortung, Befugnis und Ressourcen.

Viele Dinge müssen richtig laufen, damit wir eine Chance haben das Ganze Realität werden zu lassen.  Zuallererst müssen wir die bestehenden oligarchischen Organisationen aufhalten, die Gefahr laufen die Zukunft der Menschheit zu bestimmen.  Das ist, gelinde gesagt, ein kompliziertes Vorhaben.  Zweitens, und damit einhergehend, müssen wir das Internet bewahren.  Das vergangene Jahrzehnt hat eine industrielle Revolution des Internets gesehen, bei der allein die Fülle von Webapplikationen die revolutionäre und flache Netzwerkstruktur des Internets unterspült.  Mit Entstehen neuer Hierarchien und zunehmender Kontroller unter dem Vorwand der Kriminalitäts- und Terrorismusbekämpfung, schwinden unsere Chancen, mit dem Internet eine neue Form der Freiheit aufzubauen.  Drittens müssen wir erfolgversprechende Modelle und Strukturen bauen, um sie einerseits auf technischem Level zu verstehen und andererseits, um sie zu testen und uns mit deren Funktion und Arbeitsweise vertraut zu machen — um ein intuitives Verständnis für ein auf Freiheit basiertes vernetztes Regieren entwickeln zu können.

Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wie wir dort hin kommen, aber ich kann sagen dass es einen Scheideweg in unserer Zukunft gibt, und der Pfad welcher die Hierarchien von Reichtum und Unterdrückung, wie wir sie heute sehen auch in der Zukunft zu erhalten und auszubauen versucht wird ein noch schlimmerer Ort werden — und unser Platz im derzeit reichen Westen wird uns nicht retten.

Der Weg, der auf dem Verständnis fußt, dass jede unserer 7 Milliarden Stimme im gleichberechtigten Dialog miteinander gehört werden muss, ist die Seite die uns Hoffnung gibt.

…und diese Hoffnung wird nicht wie das aussehen, was wir heute Demokratie nennen.

Eleanor Saitta
15. September 2011
Brüssel, Belgien

Dymaxion

This piece was originally written and published in English (see it here), and was translated into German at a later date by a swarm of lovely people, namely punycode, TehMillhouse, schwarzblond, johl, Alex, larsan, tomate, Critias, and Abri, all of whom I am very greatful to. ~ Eleanor Saitta

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